Erfahrungen aus einem Selbstversuch mit dem e-Bike

Klimaschutz in der Praxis - von Bürgermeister Thomas Berger

Erfahrungen aus einem Selbstversuch mit dem e-Bike „Deutschland alleine kann für den Klimaschutz wenig erreichen.“ „Das müssen die da oben regeln, wir sind doch nur ein kleines Licht“. Wenn ich mich angesichts von lebensbedrohlichen Flutwellen, Verwüstungen durch Windhosen und Tornados, ungewöhnlich starken Regenfällen und katastrophalen Gewitterlagen in den letzten Jahren mit solchen Aussagen konfrontiert sehe, dann frage ich mich bei solchen und ähnlichen Zitaten, die eine gewisse Ignoranz der Notwendigkeit zum Handeln zum Ausdruck bringen, wo denn nun unsere deutsche Zivilcourage gerade in dieser lebenswichtigen Frage geblieben ist.

Wir gehen wegen eines neuen Zentralbahnhofs in Stuttgart auf die Straße, wir wehren uns zu Recht gegen die Gefahren aus der Atomenergie, wir kämpfen gegen neue Flugrouten beim BER und gegen Instrumentenanflugverfahren am Verkehrslandeplatz Schönhagen, wir beklagen das Essen in unseren Schulen und fordern Geschwindigkeitsbeschränkungen im innerörtlichen Straßenverkehr, wir setzen uns für den Erhalt unserer Wälder und für größere Abstandsflächen von Windparks ein, wir fordern neben Ampelmännchen nun auch paritätisch die Ampelfrau usw., und das alles für den Erhalt oder die Verbesserung der persönlichen oder gesellschaftlichen Lebensqualität. Für all das bringen wir heute mehr Energie und Engagement auf, als noch vor zwanzig Jahren. Doch was werden uns diese „Errungenschaften“ unseres unermüdlichen Kampfes für oder gegen etwas nutzen, wenn die erkämpfte Lebensqualität in 25 oder 30 Jahren vielleicht durch die klimabedingten Veränderungen im wahrsten Sinne des Wortes weggefegt bzw. weggeschwemmt worden sind? Ich hatte angenommen, dass spätestens nach Rostock im Frühjahr 2015 bzw. Rathenow im BUGA-Sommer 2015 die Menschen eine ähnliche Energie entwickelt hätten, die den Schutz unseres Klimas vor weiteren katastrophalen Veränderungen vorantreibt. Die verheerenden beiden Windhosen, die sogar einen Todesfall verursacht hatten, kannten Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg bisher in diesem Ausmaß nicht. Und von einem Ausnahmefall zu sprechen wäre in Anbetracht der kurzen Abstände beider Verwüstungen von gerade mal ein paar Wochen sicherlich nur ein erneutes Schönreden der tatsächlichen Situation. Und es kann jeden Tag wieder passieren. Und was ist mit unserem teilweise gestörten Verhältnis zu Flüchtlingen? Werden wir es tolerieren, wenn neben Kriegsflüchtlingen in zunehmendem Maße Flüchtlinge auf Grund von Klimakatastrophen wie z.B. Flut- oder Tornadoopfer sich in Bewegung setzen, um ihre verwüstete Heimat zu verlassen? Was ist, wenn wir selbst einmal zu Klimaflüchtlingen werden und nirgends auf der Welt erwünscht sein werden? Wir sollten spätestens jetzt erkennen, dass sich das Klima verändert, und zwar schneller und heftiger, als bisher angenommen. Das belegen nicht nur namhafte Wissenschaftler, sondern auch die zunehmende Zahl an massiven witterungsbedingten Schäden direkt vor unserer Haustür. Hier noch von einer fernen und abstrakten Gefahr zu sprechen ist extrem fahrlässig. Der nächste Orkan kommt schon bald, und er kann jedes unserer Häuser, unserer Autos oder unserer Leben kosten. Auch wir sind im Zeitalter der Klimakatastrophen angekommen. Und spätestens unsere Kinder und Enkel wird sie mit aller Wucht treffen. Diese werden gar keine Zeit mehr haben, sich um die Gleichberechtigung von Ampelmännchen und Ampelfrauchen zu kümmern, sie werden ihre Energie dafür aufwenden müssen, sich selbst und ihr Hab und Gut vor klimabedingten Zerstörungen zu schützen.

Klimaschutz ist keine Sachen von „denen da oben“. Es ist eine Frage von unzähligen Verhaltensänderungen jedes einzelnen von uns. „Die da oben“ können nur einen rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmen für Veränderungen schaffen. Zugegeben, das machen „die da oben“ auch nach meiner Auffassung im Moment noch nicht wirklich effektiv und nachvollziehbar. Aber immerhin sind es ja nur unsere Volksvertreter. Wenn wir unsere Lebensqualität nachhaltig bewahren wollen, dann müssen wir alle unser Verhalten langfristig verändern, in vielen unzähligen Bereichen unseres ganz persönlichen täglichen Lebens. Wir alle sind nur Menschen, wir lieben Gewohntes und Bequemes. Meist haben wir Angst vor Veränderungen und vor neuem. Aber es ist der einzige Weg, unser sehr angenehmes Leben in Deutschland zu bewahren.

„Deutschland ist nicht die Welt, sollen doch erst einmal die Amerikaner, Russen und Chinesen anfangen ...“. Stimmt, Deutschland alleine wird den Klimawandel nicht aufhalten können. Aber von Deutschland sind in den letzten Jahrhunderten schon unzählige Erfindungen hervorgebracht worden, die heute selbstverständlich in der ganzen Welt sind. Gutenberg verdanken wir die Druckbuchstaben, ohne die nicht ein einziges gedrucktes Buch, nicht eine einzige Zeitschrift oder die Wochenendwerbung in unseren Briefkästen möglich gewesen wäre. Wilhelm der IV. von Bayern hat das Bier erfunden. Heute kaum auszudenken, wenn er sich nur um das Regieren seines Landes gekümmert hätte. Dank Heinrich Göbel geht uns ein Licht auf, wenn es dunkel wird. Er hat die Glühbirne erfunden, die weltweit Vorbild ist für die heutige moderne Beleuchtungstechnik. Ohne Carl Benz würden wir uns vielleicht heute noch mit Pferden fortbewegen. Die Welt bewegt sich zur Zeit noch mit Automobilen fort, die auf das Verbrennungsmotorprinzip von Carl Benz zurückzuführen sind. Wenn Phillip Reis das Telefon nicht erfunden hätte, dann wäre weltweite Kommunikation heute vielleicht auch noch nicht so einfach. Auch die Zahncremetube und der BH sind deutsche Erfindungen, auf die man in der ganzen Welt nicht mehr verzichten will. Ja sogar das Urwerkzeug aller Werkzeuge, der Faustkeil wurde in Deutschland, im Neandertaler erfunden. All das und noch mehr aus Deutschland hat die Weltnachhaltig verändert. Warum sollte Deutschland es ausgerechnet beim Klimaschutz nicht schaffen, den Menschen Dinge und Handlungsweisen des täglichen Lebens an die Hand zu geben, die dann kurze Zeit später die Welt erobern? Wenn wir aber alles Neue sofort in Frage stellen oder ablehnen, wird bald nicht mehr viel übrig bleiben von unserem bequemen Leben.

Auch ich bin nur ein Mensch mit den selben Schwächen und Bequemlichkeiten, wie die meisten Menschen. Der vollständige Verzicht auf das lieb gewonnene Auto kam auch bei mir nicht in Frage. Aber muss es immer das Auto sein, wenn der Fußweg subjektiv als zu weit empfunden wird? Ich habe festgestellt, dass ich allzu oft mit Kanonen auf Spatzen schieße, wenn ich von A nach B möchte. Ist es nicht reine Gewohnheit, auch die Brötchen beim drei Kilometer entfernten Bäcker in Blankensee am Wochenende mit dem Auto zu holen? Ist es nicht nur die Bequemlichkeit, die mich das Auto so oft nutzen lässt, obwohl die Entfernung alleine oder der Zweck der Bewegung es gar nicht rechtfertigen würde? Ich wollte es wissen. Ich wollte genau an mir die Erfahrungen machen, die mich bisher davon abgehalten hatten, mich vernünftig zu bewegen. Das war die Ausgangsüberlegung, warum ich mir im Frühjahr 2015 ein Elektrofahrrad zugelegt habe. Ich wollte wissen, wie viel wirklich dran ist an den ganzen Bequemlichkeitseinbußen, und was man locker auch umstellen kann in seinen persönlichen Verhaltensmustern, ohne groß an Lebensqualität einbüßen zu müssen. Der Selbstversuch „e-Bike“ begann im Frühjahr 2015.

Bevor ich mich zu diesem Schritt entschieden habe, quälten mich die typischen Zweifel. Bei mir waren es vor allem fünf Faktoren, die mich bisher von Alternativen zum Auto abgehalten hatten:

1. Faktor „Zeit“: Der Weg zur Arbeit war für mich schon immer unproduktive, verschwendete Lebenszeit. Deshalb war ich auch der Meinung, dass man diese Wege am kürzesten mit dem Auto zurücklegen kann. Je weniger Zeit ich auf der Straße verbringe, umso mehr Zeit habe ich für das Frühstück und für die Arbeit. Und abends bin ich so viel schneller zu Hause und kann meine Freizeit genießen. Da bedurfte es schon einer gewaltigen Überwindung, auf das Auto zu verzichten, und mit dem neuen Elektrofahrrad zur Arbeit zu fahren. Bereits am ersten Tag stellte ich allerdings fest, dass Zeit oft eine subjektive Einschätzung ist. Mit dem Auto brauche ich insgesamt 12 Minuten von meiner Garage über die 10 Kilometer Fahrtstrecke von Stangenhagen nach Trebbin zum Parkplatz und dem Weg bis ins Büro. Mit dem Elektrofahrrad sind es 16 Minuten bis ins Büro. Den Weg vom Parkplatz zum Büro habe ich gespart, weil die Fahrradständer direkt am Gebäude aufgestellt sind. Der nur geringfügige Unterschied in der Zeit hat auch weniger mit Geschwindigkeit zu tun, als vielmehr mit Geschwindigkeitsmathematik. Man fährt auch mit dem Auto nicht konstant 100 km/h, der Schnitt liegt bei 62 km/h. Mein Elektrofahrrad ist ein aufgemotztes Pedelec, also ein Fahrrad mit motorisierter Tretunterstützung. Ein normales Pedelec hat eine motorunterstützte Höchstgeschwindigkeit von 25 km/h, mein Speed-Pedelec schafft motorunterstützt 45 km/h, was auch der Grund dafür ist, dass es in Deutschland als Kleinkraftrad gilt und deshalb ein Versicherungskennzeichen benötigt. Das normale Pedelec braucht dieses nicht. Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 35 km/h auf dem Arbeitsweg trennt mich die Geschwindigkeit vom gewohnten Auto nur um 27 km/h. Pro Stunde 27 km, wohl gemerkt. So ist der nur geringfügig höhere Zeitbedarf von 4 Minuten für das Elektrofahrrad zu erklären. Also 4 Minuten mehr am Morgen und 4 Minuten mehr am Abend sind nun wirklich keine Einbuße an Lebensqualität. Meine Sorge um den Faktor „Zeit“ war also völlig unbegründet.

2. Faktor „Witterung“: Na gut, in meinem Auto bin ich bei allen Wetterlagen rundherum geschützt. Das sollte mit dem Fahrrad nicht so leicht werden. In der Tat, bereits bei meiner ersten Jungfernfahrt mit dem Elektrofahrrad wurde ich mit den plötzlichen Wetterveränderungen konfrontiert. Fuhr ich noch bei strahlendem Sonnenschein zuhause los, so überraschte mich bereits auf halber Strecke ein heftiger Regenschauer, der etwa 12 Liter pro qm ergiebig gewesen war. War das bereits das k.o. Kriterium für mein Experiment? Natürlich war ich erst einmal bedient von der nassen Wäsche, die an meinem Körper nur noch klebte. Aber was habe ich denn früher gemacht, als ich noch gar keine Fahrerlaubnis hatte? Ich musste jeden Tag 2 Kilometer mit dem Fahrrad zur Schule, und meine Lehrer akzeptierten nicht, wenn ich regenbedingt einfach nicht zur Schule gekommen wäre. Ich hatte wasserdichte und atmungsaktive Regenkleidung. Und genau solche Kleidung gehört nach meinen ersten Regenerfahrungen dieses Sommers zur ständigen Begleitausrüstung meiner Fahrradtouren. Außerdem kann man in den überwiegenden Fällen aller Touren relativ genau vorher abschätzen, ob die Witterung ein entspanntes Fahren zulässt, oder ob man doch lieber auf das Auto zurück greift. Man muss eben vorher nur kurz drüber nachdenken.

3. Faktor „Transportmöglichkeiten“: Nein, mein Fahrrad soll kein Lastentransportgerät werden. Dafür war es auch nie gedacht. Und dafür habe ich ja das Auto, nämlich genau für die Fälle, wo das Fahrrad ungeeignet ist. Dennoch helfen geeignete Taschensysteme fürs Fahrrad den Nutzungskreis des Rades zu erweitern. Mittlerweile habe ich eine Tasche für die Brötchen und andere kleine Besorgungen, sowie eine weitere Tasche, mit der ich meine Arbeitsdokumente transportieren kann. Damit sind viele Dinge, die ich täglich transportieren muss, bereits am Fahrrad verstaubar. Und ich hatte nie die Absicht das IKEA Regal ebenfalls mit dem Rad zu kaufen.

4. Faktor „Lademöglichkeit“: Der „Nachteil“ eines Elektrofahrrads gegenüber einem herkömmlichen Rad ist die Tatsache, dass der Akku keine endlose Reichweite zulässt. Je nach Kapazität des Akkus und des zu befördernden Körpergewichts reicht so ein Fahrrad-Akku zwischen 40 und 80 Kilometer. Das ist ausreichend für 95 Prozent aller Fahrten des täglichen Lebens. Hat man sich aber doch einmal mit der Reichweite verschätzt, kann man jede verfügbare Haushaltssteckdose benutzen, um den Akku zumindest für die benötigte Restentfernung bis zum Ziel in einer halben Stunde nachzuladen. Die Stadt Trebbin verfügt darüber hinaus bereits über 8 Ladestationen für Elektroautos, die alle auch mit einer Haussteckdose für Fahrradladegeräte ausgerüstet sind. Der Faktor „Lademöglichkeit“ behindert mich in keiner Weise.

5. Faktor „Intoleranz und Ungleichberechtigung“: Rücksichtslosigkeit und Egoismus von Kraftfahrern gegenüber Radfahrern mit und ohne elektrischem Hilfsmotor begegnen mir tagtäglich. Erst jetzt, wo ich die Erfahrungen auf der anderen Seite mache merke ich, dass ich wohl als Kraftfahrer oft auch zu intolerant gegenüber den Zweiradfahrern geurteilt habe. Als Radfahrer ist man völlig ungeschützt. Sofern Radwege vorhanden sind, ist das Problem eher nachrangig. Aber in der direkten Konfrontation auf der Straße scheinen die Radfahrer mitunter auch zum Freiwild zu werden. Ich erinnere mich an die vielen Diskussionen im Bauausschuss zum Thema „Fahrradschutzstreifen“. Ich hatte die Sinnhaftigkeit solcher Zusatzstreifen am Fahrbahnrand bisher immer angezweifelt. Seit ich selbst Freiwild bin, spüre ich das permanente Angstgefühl, sobald ein LKW zum Überholvorgang ansetzt. Ich muss meine Meinung zu Fahrradschutzstreifen überdenken.

Mit meinem Speed-Pedelec kommt noch eine ganz besondere Situation hinzu. Normale Fahrräder und Pedelecs mit einer motorunterstützten Höchstgeschwindigkeit von 25 km/h dürfen bzw. müssen den Radweg benutzen, sofern einer vorhanden ist. Damit sind die größten Gefahren gebannt. Da ein Speed-Pedelec so wie ich es fahre allerdings bis 45 km/h bringen kann, gelten sie in Deutschland nach der Jahrzehnte alten StVO als Kleinkrafträder und dürfen den Radweg nicht benutzen. Diese Regelung war ursprünglich für Mopeds geschaffen worden, weil ja hier die Dominanz des Motors über die Einflussnahme des Fahrers herrscht. Als diese Regelung geschaffen wurde, gab es noch gar keine Pedelecs, bei denen ja bekanntlich der Motor nur solange die Tretkraft des Fahrers unterstützt, wie er in die Pedalen tritt. Ich würde so gerne mit meinem Speed-Pedelec auch den Radweg benutzen dürfen, weil ich mich um ein vielfaches sicherer fühlen würde. Und vielen anderen Speed-Pedelec Fahrern geht es genauso. Immerhin gilt auch auf dem Radweg das Gebot der gegenseitigen Rücksichtnahme. Stattdessen muss ich mich mindestens zwei Mal pro Woche von Kraftfahrern anpöbeln lassen, warum ich den Radweg nicht benutze und den (Auto-)verkehr mit meinem lächerlichen 45 km/h-Pedelec behindere. Bereits zwei Mal kam es sogar zu einer „Kriegserklärung“ eines Kraftfahrers in Form von vorsätzlichem Ausbremsen bzw. Abdrängen auf den Seitenstreifen. Danke für euer Verständnis, liebe Autofahrer, zumal ihr in der Fahrschule gelernt haben müsstet, dass mein sichtbar angebrachtes Versicherungskennzeichen auf ein Kraftrad hinweist, dem das Benutzen des Radweges leider untersagt ist ...

Ich habe im Laufe der Zeit sehr schnell gemerkt, dass die fünf stärksten Zweifel gegen eine Nutzung des Fahrrads in den allermeisten Fällen bis vielleicht auf den fünften Zweifel völlig unbegründet waren. Es waren Vorurteile, die ich durch bessere Erfahrungen schnell abgebaut hatte. Mit kleinen Umstellungen meiner Gewohnheiten ist es möglich geworden, meine Bequemlichkeit auch mit dem neuen Verkehrsmittel zu befriedigen. Und diese kleinen Umstellungen wurden mit völlig neuen positiven Erlebnissen und Erkenntnissen belohnt:

1. Faktor „neue Wahrnehmungen“: Im Auto hat man eine sehr beschränkte Wahrnehmung. Man nimmt die Verkehrsteilnehmer vor, neben und hinter einem wahr, hört dem Moderator oder der Musik im Radio zu und ggfs. auch dem Mitfahrer. Mehr Wahrnehmung ist in der Regel nicht möglich bzw. sogar aus Verkehrssicherheitsaspekten fahrlässig. Ich habe festgestellt, dass es außerhalb der Welt des Autos noch vieles wahrzunehmen gibt, was mir in fast 20 Jahren Arbeitsweg von Stangenhagen nach Trebbin nie so bewusst geworden ist. Mir sind erstmals wieder die vielen Dinge der Natur bewusst geworden, die Veränderungen im Wechsel der Jahreszeiten, der Heißluftballon über einem, der Geruch des gemähten Grases oder des geernteten Getreides, von der Frische des Regens ganz zu schweigen. Dinge, die ich zwar schon seit meiner Kindheit kannte, aber wegen der Allmacht des Radiomoderators und der Monotonie des Autoverkehrs nicht mehr bewusst wahrgenommen hatte.

2. Faktor „Gesundheit“: Radfahren ist gesund. Das weiß jeder. Aber wie gesund macht es mich persönlich bei den Wegen, die ich zurücklege? Der Ruhepuls soll ja ein Indikator für die Herzgesundheit im Allgemeinen sein. Deshalb kontrolliere ich diesen schon seit Jahren regelmäßig. Mein Job ist ja nicht gerade extrem stressfrei. Bereits nach vier Monaten Radexperiment hat sich mein Ruhepuls im Mittel von 65 Schläge/Min. auf 55 Schläge/Min. gesenkt, und das konstant. Und wenn nicht andere unberücksichtigte Faktoren dazu kommen, habe ich meine Lebenserwartung statistisch gesehen damit schon um einige Jahre verlängert. Wenn das nicht ein starkes Argument für Verhaltensänderung ist, weiß ich nicht, was dann noch eins sein sollte ...

3. Faktor „Kosten“: Alle 100 Kilometer, die ich statt mit dem Auto mit meinem Elektrofahrrad zurücklege, spare ich 10 Euro. Dieser Betrag ergibt sich aus den eingesparten Benzinkosten abzüglich der geringfügigen Stromkosten für das Laden des Akkus. Ölwechsel und den weitaus größeren Verschleiß des Autos habe ich dabei noch nicht berücksichtigt. Das sind bei meinem bisherigen Selbstversuch jeden Monat 50 Euro gewesen, die ich jetzt für mehr Lebensqualität zur Verfügung habe.

4. Faktor „Klimaschutz“: Ja, dieser Faktor war im Grunde der Ausgangspunkt meines Selbstversuches. Also darf natürlich dieser Faktor in der Bilanz nicht unerwähnt bleiben. Je 100 Kilometer zurückgelegter Fahrradstrecke, mit der ich die Autofahrt ersetzt habe, blase ich 20 Kilogramm Co2 weniger in die Luft. 20 Kilogramm auf 100 Kilometer. Wenn man sich das bildlich vorstellt, dann würde ich mir nach jeder Woche Fahrt zur und von der Arbeit ohne Rad, also mit dem Co2-intensiven Auto vergleichbar einen Sack Zement über den Kopf ausschütten. Nur, dass man den Zement sofort bemerken würde, das Co2 erkennt man mit bloßem Auge nicht. Mit jeder Strecke, die ich statt mit dem Auto mit meinem Rad zurücklege, trage ich als kleines Individuum direkt zum Klimaschutz bei. Wenn die Besucher eines einzigen Fußballspiels des FC Bayern dem Beispiel folgen würden, dann würden sie zusammen 1,4 Mio. kg Co2 einsparen, vergleichbar mit 70.000 Säcken Zement, und das alle 100 Kilometer.

Soviel gesündere Lebenserwartung, soviel mehr Lebensqualität, soviel Individualbeitrag zum Klimaschutz, und das alles mit kleinen Veränderungen in meinen täglichen Gewohnheiten, damit hatte ich als bequemer mit Bedenken und Vorurteilen überschütteter Normalmensch nicht gerechnet. Das ist die wichtigste Erkenntnis, die ich bis jetzt aus diesem Experiment gewonnen habe. Es fällt mir deshalb auch leicht, dieses Experiment auf unbestimmte Zeit fortzusetzen. Um es nochmals ganz deutlich zu machen, es macht keinen Sinn, von einem in das andere Extrem zu verfallen. Das Auto wird auch weiterhin Bestandteil meiner Mobilitätsüberlegungen bleiben. Möglicherweise könnte es aber in den kommenden Jahren einen weiteren Selbstversuch geben, das Dieselauto durch ein emissionsfreies Elektroauto zu ersetzen. Bereits heute ist allerdings auch die Bahn ein geeignetes Versuchsobjekt, an dem ich mich zu schaffen machen werde. Aber ich werde auf alle Fälle in Zukunft bei jeder einzelnen Fahrt darüber nachdenken, ob es wirklich Sinn macht, das Auto zu nehmen, oder ob es ohne große Einschränkungen nicht viel vorteilhafter ist, mit dem Rad oder auch mit der Bahn unterwegs zu sein. Immerhin macht man den Abwasch ja auch nicht mit dem Kärcher.

Über weitere Selbstversuche zum Klimaschutz werde ich zu gegebener Zeit berichten.

Thomas Berger
Bürgermeister